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DIE ZEIT vom 17.12.1965:



Am Beispiel von Kolberg
Bedenken gegen den Atlas-Film "Der 30. Januar" / Von Dieter E. Zimmer

In einunddreißig Kopien läßt der Atlas-Filmverleih zur Zeit Veit Harlans "Kolberg" auf das Publikum der Bundesrepublik los; allein in Hamburg lief der Film in der vergangenen Woche in zehn Kinos. "Der teuerste deutsche Farbfilm stellt sich heute - 20 Jahre später - dem kritischen Urteil des Publikums" - so wurde um Besucher geworben. Angesprochen also wurden jene Leute, die gern "teure Farbfilme" sehen, weil für sie Aufwand identisch ist mit Qualität; angesprochen wurden jene, die sich daran erinnern möchten, wie ihnen dieser Film vor zwanzig Jahren, kurz vor Toresschluß, noch einmal die Aussicht auf ein Wunder eröffnete - auf das Wunder, dass die feindlichen Armeen sich beeindruckt verziehen würden, wenn nur die Bevölkerung, Mann und Frau und Groß und Klein, Hitlerjunge und Volkssturm, jedes deutsche Trümmergrundstück bis zum letzten Atemzug verteidigte.
Es sei hier dahingestellt, ob es politisch ratsam ist, NS-Propagandawerke dieses Schlags überhaupt auszugraben und, in welcher Form auch immer, einem Publikum anzuempfehlen, über dessen kritische Fähigkeiten keine Illusionen bestehen dürfen. Der Film "Kolberg", dieses abgefeimte, demagogische, bösartige, durch und durch verlogene und nichtswürdige Machwerk verdient um seiner selbst willen eine solche Aufmerksamkeit gewiß nicht, auch nicht darum, weil es nötig wäre, seine Legende zu zerstören oder ihn zu widerlegen und zu dementieren.
Das, darf man annehmen, war allerdings auch nicht die Absicht des Verleihs; er wollte "Kolberg" aus dem einzigen Grunde wiederaufführen, der eine Wiederaufführung heute rechtfertigen kann: um an ihm den Mechanismus nationalsozialistischer Propaganda zu demonstrieren; und er hat, wie die Neue Zürcher Zeitung schrieb, durch eine längere kommentierende Einleitung und mehrere Kreisblenden, die das farbige Schauspiel aufhalten und mit der schwarz-weißen Realität konfrontieren, daraus tatsächlich einen neuen Film gemacht, der auch einen neuen Titel trägt (obwohl der in der Reklame schon wieder verschwindet): "Der 30. Januar 1945 - Der Fall Kolberg."
Die Frage ist hier nur: wie ist dieser neue Film beschaffen? Wie ist seine Wirkung? Seine Wirkung vor allem auf die heute etwa Siebzehn-, Achtzehnjährigen, die die nationalsozialistische Herrschaft und den nationalsozialistischen Krieg nur noch vom Hörensagen kennen und an deren politischer Bewußtseinsbildung das meiste gelegen ist, weil von ihnen unsere Zukunft abhängen wird?
Hätte ich den Film in irgendeiner Cineasten-Vorstellung gesehen, zusammen mit einem tatsächlich kritischen Publikum - möglicherweise hätte ich passabel finden können, was Atlas aus "Kolberg" gemacht hat. Aber ich habe ihn in einer normalen Vorstellung eines beliebigen kleinen Kinos gesehen, inmitten eines Publikums, das sich indigniert nach den paar Leuten umdrehte, die an den rührseligsten Stellen ein Lachen nicht unterdrücken konnten. Und danach muß ich der Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland vollauf beipflichten, die schrieb: "Bei aller Offenheit ist die Aufklärungsmethode der Autoren ungenügend, weil nicht mit Konsequenz bis ins Detail zu Ende geführt ... Der Film wird bei weitem nicht ausreichend analysiert: Er hätte völlig auseinandergenommen werden müssen ..."
Die Kommentatoren (Lothar Kompatzki, Erwin Leiser und der verstorbene Raimond Ruehl) begnügen sich in ihren Zugaben damit, eine einzige Gegenthese aufzustellen und dokumentarisch zu belegen: dass der, Krieg zu der Zeit, als "Kolberg" Gestalt annahm und uraufgeführt wurde, für Deutschland verloren und der Appell, den Verteidigern von Kolberg gleich bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, nicht nur mörderisch, sondern sinnlos war. Das war er allerdings; aber diese Argumentation geht weit an dem propagandistischen Kern des Films vorbei, der durchaus auch heute noch auf ein Echo hoffen kann. Er besagt: Ehrenvoller als die Kapitulation ist es, sich unter den Trümmern begraben zu lassen. Lieber tot als Sklave; oder, in aktuellere Sprache übersetzt: Lieber tot als rot. Wurde diese These darum nicht angetastet, weil sie nach Meinung von Kompatzki, Leiser und Ruehl zu den "wertbeständigen Tugenden" zählt, mit denen Harlans Film, dem Rolltitel zufolge, Mißbrauch getrieben habe?
Wohl wäre es verfehlt, zu verlangen, dass ein heutiger Kommentator im Zusammenhang mit einem solchen Film den Charakter der nationalsozialistischen Herrschaft in ganzer Breite vorzuführen hätte, um alles in den richtigen Maßstab zu setzen. Aber es hätte eine große Zahl unmittelbar relevanter und filmisch ohne weiteres verwendbarer Details gegeben; dass von ihnen kein Gebrauch gemacht wurde, das ist dem Verleih und den Kommentatoren vorzuwerfen.
Es fehlt zum Beispiel jeder Hinweis darauf, dass die Analogie zwischen den napoleonischen Kriegen und dem Zweiten Weltkrieg, die Goebbels und sein getreuer Regisseur dem deutschen Volk vorzuhalten sich mühten, ganz und gar nicht stimmte: denn die Deutschen waren, wenn man sich auf derartige Vergleiche überhaupt einlassen will, im Zweiten Weltkrieg in eben der Rolle, die 1807 die Franzosen spielten - Invasoren fremder Länder, die sich ihrer zu erwehren hatten; und sie spielten diese Rolle ganz ungleich brutaler, als es seinerzeit und im Film "Kolberg" die Franzosen taten, die Harlan doch unsympathisch und degeneriert über die Maßen zeichnet. Ein paar Bilder, die zeigten, wie diese gutmütigen Kolberg-Deutschen mit der Bevölkerung Polens oder Rußlands verfuhren - sie erfüllten den Zweck vollauf. Dazu ein paar Bilder, aus denen hervorginge, in welcher Lage die deutschen Soldaten der eingeschlossenen "Festungen" La Rochelle und Saint Nazaire waren, denen der Film zwecks patriotischer Erbauung, hingeflogen wurde: Eindringlinge in einem Land, in dem sie nichts zu suchen hatten, genausowenig wie die Franzosen einstmals in Pommern; ein paar Bilder von dem Jubel der französischen Bevölkerung, als sie sich der deutschen Besatzung endlich entledigen konnte - sie fehlen, und ein großer Teil dieser großangelegten Lüge von "Kolberg" bleibt damit unwidersprochen; der Zweite Weltkrieg könnte von einem ahnungslosen Zuschauer gar für einen deutschen Befreiungskrieg gehalten werden.
Um den Propagandamechanismus des Films zu dekuvrieren, hätte es aber vor allem häufigerer und entschiedenerer Einschübe bedurft - nicht nur, um die Verführungskraft des Filmes zu mindern, sondern ganz im Sinne der Idee, um die es Atlas ging: um die Methode dieser Propaganda unmißverständlich bloßzustellen. Wen ergriffen nicht heilige Schauer, wenn leise Choräle aus zerstörten Kirchen erklingen? Wen rührten eines Mägdleins Zähren nicht - auch wenn Kristina Söderbaum, halb tapfere deutsche Soldatenfrau, halb keusche deutsche Maid, dem gegenwärtigen Mädchenideal recht fern ist? Gerade diese unterschwelligen und darum gefährlicheren Insinuationen hätten eine Antwort nötig; eine Szene wie die der Audienz bei der preußischen Königin, die heute nicht weniger Ergriffenheit mobilisiert als vor zwanzig Jahren, dürfte auf keinen Fall durchgespielt werden. Was sie suggeriert, ist dies: die Obrigkeit ist erhaben und fern; in einer Aufwallung patriotischen Hochgefühls aber darf man sich ihr dennoch untertänig und ehrfürchtig nähern, wenn auch nur tränenden Auges und stumm. Oder sollte es sich nach Meinung der Autoren auch hierbei um eine "wertbeständige Tugend" handeln? Und ist die Verachtung für den Mann, der lieber Geige spielt als Barrikaden baut und darum verdientermaßen umkommt - ist auch sie eine wertbeständige Tugend? Verächtlich macht der Film die Intellektuellen, die Künstler, die Kaufleute, die gern in Frieden ihr Geld verdienen - gerade weil diese Propaganda heute nicht ohne Aussicht auf Resonanz ist, hätte ihr etwas engegengesetzt werden müssen.
Vollends unzureichend ist es aber, wenn den Tiraden des gemütlichen Fanatikers Nettelbeck, dieses dicken Harlanschen Nazi-Prototyps, der keine Gründe braucht, um ein "anständiger Mensch zu sein" (also: wer nicht seiner Meinung ist, der ist ein Schuft, und wer seine Handlungen rational zu motivieren sucht, ein schändlicher Vernünftler), wenn diesen Tiraden und dem soldatischen Pathos Gneisenaus lediglich ein paar Fragmente von Goebbels-Reden gegenübergestellt werden. Die Übereinstimmung ist zwar evident; aber nur der Zuschauer, der sich sein Bild vom Reichspropagandaminister bereits gemacht hat, wird der Beweisführung folgen. Auf den Heranwachsenden, für den Goebbels nicht viel mehr als ein Name ist, dürfte eine solche Argumentation gerade umgekehrt wirken: Mitgerissen von Horst Caspars strahlendem und kernigem Tenor, muß er in Goebbels eine Reinkarnation dieses Gneisenau sehen, schäbiger zwar und ausgemergelter und weniger heldisch - aber es waren ja auch bittere Zeiten damals, wie man hört. Die bloße Konfrontation tut es hier ganz und gar nicht: Hier wäre es unumgänglich gewesen, dass die Kommentatoren endlich Farbe bekennen, dass sie analysieren, wie es um die Wertbeständigkeit dieser Suada bestellt ist.
Der Einfall des Verleihs war nicht schlecht. Er barg die Möglichkeit politischer Unterrichtung, er barg die Möglichkeit, die Methodik politischer Hetze zu sezieren und darüber hinaus dem Filmzuschauer Skepsis vor der Leinwand überhaupt beizubringen, auch wo sie ihm unpolitische filmische Rührstücke bietet - er hätte dazu gebracht werden können, die Tricks und Sophismen zu durchschauen, den demagogischen Gebrauch der Musik zu verstehen, ein Argument noch nicht anzunehmen, weil es leuchtenden Blicks von einem Beau vorgebracht wird, ein Argument nicht zu verwerfen, weil ein Regisseur es einer miesen Physiognomie, in den Mund legt. Der Einfall wurde fahrlässig vertan; so, wie "Kolberg" jetzt läuft, ist der Film eher eine Gemeingefahr.


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