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Stuttgarter Zeitung vom 21.3.1998:



Nur ein "historischer Politschmarrn"?
Das ZDF und Arte halten den NS-Propagandafilm "Kolberg" für zumutbar im Fernsehen

Die Ausstrahlung des NS-Films "Kolberg" soll Publikumsreaktionen testen. "Warum fliehen wir die Auseinandersetzung?" fragt der ZDF-Redakteur Hans Peter Kochenrath. "Ich glaube, wir sind fünfzig Jahre danach reif genug, um mit einem solchen Film umgehen zu können." Also Vorhang auf für "Kolberg". Arte zeigt den NS-Propagandafilm am heutigen Sonntag um 21.45 Uhr als erster deutscher Sender in der ungeschnittenen Originalfassung von 1945. Der Anlaß dafür ist ein Themenabend über Heinrich George, den Kochenrath zusammengestellt hat. In diesem Rahmen soll "Kolberg" illustrieren, wie sich George von den Nazis instrumentalisieren ließ. Aber die Ausstrahlung hat noch eine weitere Bedeutung: Sie ist ein gezielter Tabubruch, um das Terrain für eine öffentliche Verwertung von Propagandafilmen zu sondieren.
Im Normalfall lagert "Kolberg", ebenso wie zwanzig weitere NS-Titel, zum Beispiel "Jud Süß", "Ohm Krüger" oder "Hitlerjunge Quex", im Giftschrank der von der Filmwirtschaft gegründeten Murnau-Stiftung in Wiesbaden. Als sogenannte "Vorbehaltsfilme" dürfen sie nur zu Studienzwecken vor geschlossenen Besuchergruppen aufgeführt werden. Diese Vorsichtsmaßnahme soll einem möglichen Mißbrauch vorbeugen, denn die Filme tragen das Wasserzeichen des obersten NS-Propagandisten Joseph Goebbels.
Bei "Kolberg" ist das besonders deutlich erkennbar. In Anlehnung an historische Tatsachen schildert der Film die "heroische Abwehrschlacht" der Kolberger, angeführt von dem wackeren Weinhändler Nettelbeck (Heinrich George), gegen die napoleonischen Truppen im Jahr 1806.
Goebbels redigierte die Drehbücher persönlich und stellte seinem Regisseur Veit Harlan ("Jud Süß") für die Inszenierung nahezu unbegrenzte Ressourcen zur Verfügung: 187 000 Wehrmachtssoldaten als Statisten, 6000 Pferde, zigtausend Kostüme und ein Produktionsbudget von 8,5 Millionen Reichsmark. Wunschgemäß schuf Harlan einen monströsen Agitationsfilm, der im historischen Gewand Blut-und-Boden-Werte samt Durchhalteparolen predigt. Goebbels wollte damit das Kinopublikum für den "totalen Krieg" mobilisieren. Doch im Frühjahr 1945, als "Kolberg" Premiere hatte, war es dafür bereits zu spät.
"Der Film ist als historischer Politschmarrn gerade noch so hinnehmbar", sagt Kochenrath. "Kolberg" enthalte weder antisemitische Elemente noch verunglimpfe er andere Nationen. Den propagandistischen Restgehalt hält Kochenrath für unbedenklich: "Propaganda funktioniert immer nur in einem entsprechenden soziokulturellen Rahmen. Und der ist heute ein anderer als 1945." Gleichwohl hielt es auch Kochenrath für notwendig, die Ausstrahlung mit einer kritischen Dokumentation über die Entstehungsgeschichte des Films ("Nun Volk, steh auf", 21.30 Uhr) zu flankieren.
Diesem Sendekonzept habe die Murnau-Stiftung "nach intensiver Diskussion" zugestimmt, sagt der Stiftungsvorstand Peter Franz. Ausschlaggebend sei die Überlegung gewesen, dass sich anhand der Ausstrahlung die öffentliche Reaktion testen lasse. Sollten die Presse und das Publikum keinen Anstoß nehmen, sei es denkbar, die "Auswertungsschiene" für Vorbehaltsfilme künftig aufzulockern. Daran hätten sowohl TV-Sender als auch Videodistributoren und Rechteinhaber ein mögliches Interesse.
Vor derselben Frage steht auch die in der Gründung begriffene Defa-Stiftung in Berlin. Sie verwaltet künftig das filmische Erbe der DDR, das schätzungsweise 750 Spielfilme, 4000 Kultur- und Dokumentarfilme sowie knapp 10 000 synchronisierte Filme aus dem ehemaligen Ostlock umfaßt. Anzunehmen ist, dass sich darunter auch harte Propagandastreifen befinden, die den Stalinismus verherrlichen. Ebenso wie die Murnau-Stiftung wird auch die Defa-Stiftung von einem Gremium geführt, in dem nicht nur staatliche Medienexperten, sondern auch Repräsentanten der Filmwirtschaft vertreten sind. Seitdem 1990 das alliierte Besatzungsrecht weggefallen ist, haben diese Gremien volle Handlungsfreiheit im Umgang mit der heiklen Bilder-Ware.
Um so gespannter warten sie auf die Diskussion, die Kochenrath nun ins Rollen bringt. Sein ureigenes Ziel wird der ZDF-Redakteur sicherlich erreichen: "Ich möchte, dass man immer wieder gegen den Stachel löckt und über den Nationalsozialismus redet." "Kolberg" wird sicherlich anecken. Doch die entscheidende Frage ist, ob fünfzig Jahre Abstand wirklich ausreichen, um diesen Film und vielleicht auch perfidere Propagandastreifen ungefiltert ertragen zu können. Und da ist jeder zu einer Antwort aufgerufen.
Lutz Kinkel


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